Freitag, 4. Dezember 2015

Die Wahrheit über Jura, Teil 2: Lernen, Bücher und Noten


Heute kommt Teil 2 meiner Serie über Jura! Dafür habe ich mir etwas Allgemeines ausgesucht, alles ums Thema Lernen. Allgemein herrscht ja das Vorurteil, dass Jura ein "trockenes Fach" ist, in dem mal alle Gesetze auswendig lernen muss. Damit räume ich jetzt kurz und schmerzlos auf: fragt euch mal, wie ein Fach "trocken" sein soll, in dem man ständig verschiedenste Fälle lösen muss? Eben: ist es nicht, und dass man Theorie lernen muss, ist ja wohl in jedem Studium so. Mal ehrlich, Gesetze auswendig lernen? Wozu sollte man das tun, wenn man sie einfach aufschlagen und lesen kann? Macht man deshalb auch nicht, weil es Quatsch ist.

Nun aber zurück zum ersten Punkt des eigentlichen Themas dieses Beitrags: dem Lernen. Ich will niemandem etwas vormachen, Jura ist ein sehr lernintensives Fach. Man muss in den drei Diszplinen Zivil-, Straf- und Öffentliches Recht und deren Unterfächern viel wissen. Vor allem beliebt sind die sogenannten Meinungsstreite, die zwischen den Gerichten (Rechtsprechung) und den Professoren (der Literatur) toben. Man glaubt gar nicht, worüber manchmal gestritten wird. Besonders bizarr: oft kommen die Ansichten zum selben Ergebnis, aber auf unterschiedlichen Wegen. Der gemeine Jura-Student lernt daher schon früh, dass der Streit zwar ausgebreitet werden muss, um zu zeigen, dass man ihn gesehen hat und die Meinungen kennt, aber er eben für die Lösung nicht von Belang ist und deshalb "dahinstehen kann" (diese Formulierung ist essentiell für Jura).



Besonders für das erste Examen muss man viel Bücherwissen haben, also vor allem Definitionen kennen. Die Anwendung des Rechts ergibt sich in der Regel (!) von selbst, wenn man die richtige Norm für den Fall gefunden hat. Das ist wieder eine Wissenschaft für sich, denn vor allem in Zivilrecht muss man manchmal auf die Suche gehen wie ein Trüffelschwein, um den Paragraphen zu finden, der zur Lösung führt. Das Lernen von Definitionen und Prüfschemata ist reines Auswendiglernen, denn nur in den seltensten Fällen ist etwas explizit im Gesetz definiert (das nennt man dann Legaldefinition und ist manchmal ein echter Jackpot).

Das führt mich zum nächsten Punkt: den Büchern. Es gibt in Jura zwei drei Arten von Werken, mit denen man Lernen kann: Lehrbücher, Skripten und Kommentare. Lehrbücher sind der Klassiker, um sich Wissen anzueignen. Sie sind meist von mittlerem bis großem Umfang, je nach Rechtsgebiet, und bieten neben allen Definitionen und Schemata auch Meinungsstreite und wichtige Urteile. Man muss beachten, dass der Autor bei einem Streit eine bestimmte Meinung vertritt, die andere/n Ansichten aber unter den Tisch fallen lässt oder herunterspielt. Deswegen habe ich oft mit zwei Büchern parallel gearbeitet, um da nicht in die Falle zu tippen. Mein Lieblingssatz in einem Buch: "andere Ansicht: Bundesgerichtshof" - da sollte man definitiv eine zweite Meinung hinzuziehen :)

Skripten sind eine zweischneidige Sache: sie bereiten den Stoff kurz und knapp auf, meistens auf das Allernötigste reduziert. So soll schnell das Wichtigste zu einem Thema vermittelt werden. Ich habe während meines Studiums Leute kennengelernt, die nur mit Skripten gelernt haben, und andere, die darauf reagiert haben wie der Teufel auf Weihwasser. Ein gesundes Mittelmaß zu finden dürfte der goldene Mittelweg sein, denn so wie es richtig schlechte Skripten gibt, existieren auch ganz schlimm geschriebene Lehrbücher!

Gerade in den ersten Semestern raten die meisten Dozenten von Skripten ab. Manche finden, dass man so die Materie nicht richtig erfassen kann, weil der Stoff nur oberflächlich behandelt wird. Andere empfehlen am liebsten ihre eigenen (manchmal mehr, manchmal weniger guten) Lehrbücher, weil sie damit noch was extra verdienen. Im Endeffekt sollte man sich beide Varianten ansehen, denn manchmal gibt es z.B. zu einem Thema ein sehr gutes Skript und ein völlig überladenes Lehrbuch - die Wahl fällt dann leicht. In der Regel reicht meines Erachtens ein Skript alleine nicht aus, oder es ist so umfangreich, dass man eine Art getarntes Lehrbuch vor sich hat.

Kommentare als dritte Form sind eher weniger zum (ersten) Lernen geeignet, ich wollte sie nur erwähnen, weil man als Student schon im ersten Semester auf sie stößt. Sie geben den Inhalt für die einzelnen Paragraphen eines Gesetzes wieder, oft sehr ausführlich mit Beschreibungen von Meinungsstreiten und relevanten Urteilen zum Thema. Kommentare sind im Studium eigentlich nur bei Hausarbeiten und zum vertieften Nachschlagen wichtig, ansonsten erst später für das Referendariat, wo sie auch in den Klausuren verwendet werden dürfen.

Ich habe fast nur mit Lehrbüchern gearbeitet, weil ich Aufzeichnungen so haben wollte, die ich nach der Ausarbeitung nicht mehr ergänzen musste (ich habe mir quasi mein eigenes Skript geschrieben). In manchen Fächern habe ich aber statt zu den von den Profs empfohlenen Standardwerken entweder zu denen von Mitbewerbern gegriffen oder zu einem Skript. Geholfen hat bei der Auswahl die Bibliothek, in der es aus beiden Kategorien so gut wie alle erhältlichen Werke gibt. Bevor ich mir etwas gekauft habe, habe ich es mir immer angesehen, ob mir z.B. der Schreibstil zusagt.

Zum Thema Bibliothek: ihr werdet recht schnell feststellen, ob ihr Bibliotheks- oder Zuhause-Lerner seid. Ich habe eigentlich nur in der Bib gearbeitet (also Ausarbeitungen aus Büchern), weil ich mich zuhause zu schnell ablenken lasse. Gelernt habe ich aber immer zuhause, das ging komischerweise gut. Wenn ihr in der Bib nur in der Gegend rumschaut, Kaffee trinken geht, im Internet surft oder in der Mensa mit Kommilitonen abhängt, solltet ihr lieber zuhause bleiben. Nichts gegen euer Sozialleben, aber ihr wollte einen schweren Studiengang erfolgreich absolvieren, da kann man nicht bis zum Schluss abgammeln. Solltet ihr nicht zu den an einer Hand Abzählbaren gehören, die alles ohne viel Lernen können, werdet ihr sonst im Examen ganz schön ackern müssen (mehr als sowieso schon).

Es liegt mir fern, Panik zu machen, aber man sollte nicht das Studium und schon gar nicht das Examen auf die leichte Schulter nehmen! Schaut euch die Statistik der Uni-Absolventen und des Examens an und ihr werdet feststellen, dass es einfach sehr wenige gute Kandidaten gibt. Je besser die Note, desto besser die Erfolgschancen fürs spätere Berufsleben, logisch. Das führt mich zum dritten Punkt des Artikels: die Benotung. Wenn ihr in der Schule immer Einsen und Zweien hattet, werdet ihr einen Schock erleben, versprochen!



Jura hat eine Notenskala von 0 bis 18 Punkten, ab 4 hat man bestanden. Ab 9 Punkten spricht man von Vollbefriedigend, dem sogenannten "Prädikat", was in der Regel von Großkanzleien und für den Staatsdienst als Untergrenze verlangt wird. Realistisch ist es, sich als "Durchschnittsstudent" auf nicht mehr als 8 Punkte einzustellen, alles darüber bekommt man vielleicht mal für eine gute Hausarbeit. Natürlich kann man auch in einer Klausur mal genau den Kern des Falles treffen und dann 12, 13 oder mehr Punkte absahnen, aber das ist selten. Ich hatte mal eine Hausarbeit mit 14 Punkten, auf die ich immer noch sehr stolz bin. Viel öfter hatte ich allerdings Klausuren mit 6 oder 7 Punkten, zum Glück meist nachvollziehbar bewertet. 

Oft ist es leider so, dass man die Notenvergabe als Roulettespiel empfindet, denn wenn man ähnliche Falllösungen vergleicht, kann man durchaus auf einen Unterschied von 5 Punkten zwischen den Bearbeitungen kommen. Warum das so ist, kann ich euch nicht sagen, aber richtig fair ist es auch nicht. Im Examen werdet ihr dieses Gefühl noch viel mehr haben, vor allem, wenn der Zweitkorrektor, der die erste Korrektur "kritisch überprüfen" soll, unter die Erstbewertung nur schreibt: "i.O." oder "einverstanden". Das nenne ich leichtverdientes Geld :) Ich habe mal gelesen, dass die Noten in Jura deshalb so vergleichsweise schlecht sind, weil der Korrektor ja selbst eine bestimmte Note hat und nicht möchte, dass andere besser sind als er.

Jedenfalls sollte man sich nicht entmutigen lassen, denn sofern es nicht ständig Ausreißer nach oben oder unten gibt, pendelt man sich irgendwann auf einem Notenniveau ein. Ich habe mir immer gesagt, Hauptsache bestanden, alles andere ist Bonus. Für manchen mag das unterambitioniert klingen, aber ich habe es so gesehen: im Freischuss wollte ich mir das bestandene Examen sichern. In der Verbesserung wäre dann alles darüber hinaus möglich gewesen. Im Endeffekt war dann der Freischuss besser als erwartet, wobei ich mich noch nie gut einschätzen konnte. Ich bin dann trotzdem noch mit Erfolg in die Verbesserung gegangen. Das Niveau meiner schriftlichen Leistungen war bei beiden Durchgängen fast gleich (übrigens auch im 2. Examen), die mündliche Leistung hat dann den Unterschied gemacht.


So, das war wieder mal viel Text, aber es gibt zu den Themen auch so viel zu sagen, dass ich noch ewig weiterschreiben könnte. Bei Fragen: einfach raus damit! Teil 3 dreht sich dann um die Examensvorbereitung. Hier kommt ihr zum ersten Teil der Serie.


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